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Frauenzimmer - Reutlinger General-Anzeiger vom 10.03.2010

Obdachlosigkeit - Noch in diesem Jahr soll AWO-Aufnahmehaus für weibliche Wohnungslose fertig werden. Einmalig im Land: Alle Hilfsangebote unter einem Dach


»Frauenzimmer« sehen rot

 

Von Ulrike Glage


REUTLINGEN. Das »Frauenzimmer«-Projekt der Reutlinger Arbeiterwohlfahrt (AWO) hatte schon das Zeug, zur unendlichen Geschichte zu werden. Doch jetzt, endlich, konnte ein Knopf an die Sache gemacht werden. Beziehungsweise ein roter Punkt:
















Die Pläne fürs »Frauenzimmer«-Projekt der AWO sind fertig, jetzt geht's an den Umbau - sehr zur Freude von AWO-Geschäftsführerin Gisela Steinhilber (Foto oben, links), Sozialpädagogin Rita Wilde und GWG-Chef Karl-Heinz Walter. FOTO: Gerlinde Trinkhaus

Der hängt im Fenster eines kleinen, reichlich heruntergekommen Häuschens in der Färberstraße und signalisiert, dass AWO und GWG - sie ist die Eigentümerin - endlich loslegen können. Schon im September sollen die »Frauenzimmer« fertig sein. Und das heißt: Mit einer Beratungsstelle, fünf Aufnahmeplätzen und zwei Appartements finden sich alle Hilfsangebote für weibliche Wohnungslose unter einem Dach. Das ist einmalig im Land.

Auf 20 Prozent gestiegen

Dass eine separate Anlaufstelle für weibliche Obdachlose dringend nötig ist, hat die AWO schon 1990 erkannt. Damals, erinnerte Geschäftsführerin Gisela Steinhilber beim Vor-Ort-Termin, lag ihr Anteil noch bei vier Prozent, mittlerweile ist er auf 20 Prozent angestiegen. Frauen, die auf der Straße landen, sind nach Erfahrungen der AWO wirklich ganz unten angekommen. »Das ist vollends der Rausschmiss aus der Gesellschaft«, so Steinhilber. Weil obdachlose Frauen gleich ganze Problembündel mitbringen, hat die Kombination aus Beratung, Betreuung und Wohnen nach Überzeugung der AWO-Mitarbeiter nur Vorteile.

Und das alles in dem Häuschen am Rande der Altstadt, das 1899 gebaut wurde, irgendwann der GWG »zugefallen« ist, so deren Chef Karl-Heinz Walter, dessen Vermietung »viel Arbeit« gemacht habe und über dessen Abbruch schon diskutiert worden sei. Doch dann die neuerliche Partnerschaft fürs »Frauenzimmer«-Projekt mit der AWO, die sich, so Walter, schon bei der Entwicklung der fünf Oasen - Wohnhäuser für Obdachlose - bestens bewährt habe.

Bis das Gespann GWG und AWO zum stolzen Besitzer der Baugenehmigung wurde, brauchte es »viele Meilensteine«, wie Gisela Steinhilber erinnerte. Im Dezember 2007 beantragte die AWO Mittel aus dem Fördertopf des Landes für wohnungslose Frauen, guckte sich dann mit der GWG das Häuschen in der Färberstraße aus, dessen Umbau 400 000 Euro kosten wird. Mitte 2008 der erste Silberstreif am Horizont: Das Land bewilligte 180 000 Euro. Mittlerweile hatte die AWO auch bei der »Aktion Mensch« einen Förderantrag gestellt. Dann wurde es richtig aufregend: Durch einen Wasserschaden am Gebäude verzögerte sich die Bauaufnahme, beinahe hätte die Frist nicht eingehalten werden können.
Doch auch diese Hürde wurde - wie einige andere mehr - genommen: Ende vergangenen Jahres kam die frohe Botschaft, dass die »Aktion Mensch« das Projekt mit 137 000 Euro unterstützt. Die Stadt beteiligt sich mit 10 000 Euro an den Investitionskosten, der Landkreis hat einen Zuschuss für den laufenden Betrieb zugesagt. »Das ist heutzutage nicht selbstverständlich«, betont Gisela Steinhilber. Aber auch die GWG kommt der AWO entgegen und übernimmt die Baunebenkosten. Die 400 000 Euro sind damit freilich noch lange nicht finanziert, »einige Zehntausend Euro« muss die AWO noch aufbringen. Jetzt hofft sie auf Spenden (AWO Reutlingen, Konto 374 771 006, Volksbank Reutlingen BLZ 640 901 00).

Nicht unbefristet

Der »Rückbau« (Walter) hat das Haus in einen Rohbau verwandelt, in den kommenden Monaten kann sich die GWG an die Komplettsanierung samt neuer Haustechnik, Heizung, Isolierung und vielem mehr machen. Im Erdgeschoss werden Fachberatungsstelle, Büro und Gruppenraum untergebracht, im Stockwerk drüber die fünf Aufnahmezimmer für weibliche Wohnungslose, die dort zwei Monate bis ein Jahr bleiben können. Im dritten Stock dann die beiden Appartements, in dem die Frauen über einen längeren Zeitraum, aber nicht unbefristet wohnen können.

Alles in allem ein Hilfsangebot mit sozialpädagogischer Begleitung, mit dem sich die weiblichen Wohnungslosen so weit stabilisieren sollen, bis sie »von sich aus ausziehen können«, so Steinhilber. Und der Vorteil der Beratungsstelle von Frauen für Frauen: »Da erreichen wir auch Betroffene, die nicht in unsere gemischtgeschlechtliche Fachberatung kommen, weil die Schwellenangst zu hoch ist.« (GEA)

 

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