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Frauenzimmer - Reutlinger Nachrichten vom 10.03.2010
Reutlingen. Die Zahl der von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen steigt stetig an. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat deshalb mit der GWG in der Färberstraße das Projekt "Frauenzimmer" auf den Weg gebracht.
Von PETER ANDEL
Das 1899 gebaute dreistöckige Haus Färberstraße 1 zwischen Metzgerstraße und Gartentorschule, im "Streubesitz" der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (GWG) befindlich, so Geschäftsführer Karl-Heinz Walter, stand schon mal als Abbruchgebäude in der Diskussion. Zum Glück wurde der Gedanke nicht realisiert.
Mit dem Partner Arbeiterwohlfahrt (AWO), mit dem man bereits erfolgreich fünf "Oasen" für Leute, die "nicht auf der Sonnenseite des Lebens" stehen, gestemmt hat, wird hier die Idee "Frauenzimmer" verwirklicht.
Das Projekt "Frauenzimmer" in der Färberstraße 1, so AWO-Geschäftsführerin Gisela Steinhilber, sei nicht zu verwechseln mit dem Frauenhaus. Der Terminus ist mehrdeutig und passe zu der von der AWO betreuten Klientel. "Frauenzimmer" ist geplant als eine integrierte Einrichtung für wohnungslose Frauen, wo eine Fachberatungsstelle, fünf Aufnahmeplätze sowie zwei Appartements (im dritten Stock) für betreutes Wohnen entstehen sollen. "Frauen brauchen ein extra Angebot", weiß Steinhilber, denn diese wollten nicht in den von Männern dominierten Wohnungslosehilfeeinrichtungen leben müssen. Die Fachberatung - durch Frauen - nimmt den Geschlechtsgenossinnen zudem die Schwellenangst.
Die Notwendigkeit eines solchen "Frauenzimmers" war schon in den 90er Jahren offensichtlich, denn der Frauenanteil unter den Wohnungslosen stieg konstant an. Im vergangenen Jahr waren es bereits knapp 20 Prozent bei einer Gesamtzahl von 550 Hilfesuchenden.
Die Idee keimte also schon lange. Zunächst richtete man in der Notübernachtung Glaserstraße zwei separate Übernachtungsplätze für Frauen ein, 2004 kamen zwei Frauenaufnahmeplätze in einem Wohnhaus hinzu. Seit 2000 gibt es innerhalb der AWO-Wohnungslosenhilfe zwei weibliche Fachkräfte, die zur Beratung von wohnungslosen Frauen hinzugezogen werden. Nun also das Projekt "Frauenzimmer", mit dessen "Interessenbekundungsverfahren" im Jahr 2007 gestartet wurde. Gestern kam in der Färberstraße 1 der "Rote Punkt", die Baufreigabe. Und damit, atmet Gisela Steinhilber auf, hat die "Odyssee" ein Ende.
Im Erdgeschoss wird die Beratungsstelle (geöffnet an vier Vormittagen, jeweils drei Stunden) einziehen - mit Büro samt Gruppenraum für Info-Veranstaltungen oder Arztsprechstunden. Außerdem werden Waschmaschine und Trockner aufgestellt. Als zusätzlicher Service dient die Beratungsstelle als Postadresse. Das Aufnahmehaus selbst verfügt über fünf Einzelzimmer mit Gemeinschaftsküche, Essplatz und Sanitärbereich im ersten Stock. Darüber finden sich in der dritten Etage zwei Appartements.
Die "Frauenzimmer" dienen zum einen der kurzfristigen Aufnahme, zum anderen des sozialpädagogisch begleiteten, befristeten Wohnens. Es ist kein s Dauerwohnraum. Die AWO geht davon aus, dass sich die Bewohnerinnen in der Färberstraße wieder an den eigenverantwortlichen Umgang mit einer Wohnung gewöhnen und später außerhalb eine Heimstatt finden, um ein unabhängiges Leben zu führen.
Die Kosten für die Sanierung beziffert Walter auf rund 400 000 Euro. 180 000 Euro kommen als Sonderinvestitionsmittel des Landes, 137 000 Euro über die Aktion Mensch, 10 000 Euro schießt die Stadt zu, der Kreis will sich an den Kosten der Fachberatung beteiligen. Baunebenkosten und Baubetreuung übernimmt die GWG, wofür Steinhilber "sehr dankbar" ist. Das sei ein "riesiges Pfund für uns Laien". Die AWO-Geschäftsführerin hofft auch auf das Spendenparlament und weitere Spenden (bisher 3000 Euro). Insgesamt fehlen noch rund 30 000 Euro.
Das entkernte Gebäude muss jetzt mit allen üblichen Gewerken des Hausbaus "ertüchtigt" werden, um sich dann zu einem, wie Walter sagt, "Schmuckstück in der Altstadt" zu wandeln. Im September/Oktober will man Einzug halten.
Info
Wer für das Projekt "Frauenzimmer" spenden will, kann dies tun unter AWO Reutlingen, Konto 374 771 006, Volksbank Reutlingen, BLZ: 640 901 00.

