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Frauenzimmer - Schwäbisches Tagblatt vom 10.03.2010
Ein Haus voller FrauenzimmerIn der Färberstraße entsteht ein Aufnahmehaus für wohnungslose Frauen
Geplant war das Projekt „Frauenzimmer" schon lange, jetzt kann die AWO in der Färberstraße die Hilfeeinrichtung realisieren, in der wohnungslose Frauen Beratung und Aufnahme finden sollen. Umgebaut wird das Gebäude von der Eigentümerin GWG.
Von USCHI KURZ
Reutlingen. Zur Vorstellung des Projekts hatte die Arbeiterwohlfahrt gestern gemeinsam mit der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft in die Baustelle geladen. „Wir machen seit vielen Jahren gemeinsam Projekte für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen", verwies GWG-Chef Karl-Heinz Walter auf die erfolgreiche Zusammenarbeit. Erst vor Weihnachten wurde in der Konrad-Adenauer-Straße die fünfte Oase eröffnet, die es vormals wohnungslosen Männern ermöglicht, wieder selbständig in einer ganz normalen Wohnung zu leben.
In diesem alten Fachwerkgebäude in der Färberstraße 1 entsteht das Projekt „Frauenzimmer": Eine Einrichtung, in der wohnungslose Frauen Beratung und Aufnahme finden. Bild: Haas
Und nun das Projekt „Frauenzimmer" in der Färberstraße 1. Die Notwendigkeit eines seperaten Aufhahmehauses für Frauen wird von der AWO seit langem reklamiert. Bis die Finanzierung geregelt war, berichtete AWO-Ge-schäftsführerin
Das Projekt „Frauenzimmer" ist als integrierte Einrichtung geplant mit einer Fachberatungsstelle und fünf Aufnahmeplätzen, in denen wohnungslose Frauen für eine absehbare Zeit (drei bis fünf Monate) können. Zudem entstehen im Dachgeschoss des alten Fachwerkgebäudes (Baujahr: 1899) zwei kleine Appartements für betreutes Wohnen. Hier sollen zwei Frauen so lange mit sozialpädagogischer Begleitung bleiben können, bis sie wieder in der Lage sind, alleine zu leben. Dauerhafte Mietverhältnisse wird es auch dort nicht geben, schließlich sollen die Frauenzimmer immer wieder neuen Bewohnerinnen eine Chance bieten.
Im Erdgeschoss des Gebäudes wird die Beratungsstelle mit ihrem Büro einziehen, ferner entsteht dort ein großzügige Gruppenraum sowie ein Zimmer mit separatem Eingang, in dem eine Frau auch ganz kurzfristig aufgenommen werden kann. Wie in der Notübernachtungsstelle in der Glaserstraße wird es auch in der Färberstraße für jede Frau zugänglich eine Waschmaschine und einen Trockner geben. Für vier Frauen wird im ersten Stock eine Wohngemeinschaft entstehen mit einer gemeinsamen Küche und einem gemeinsamen Sanitärbereich. Die kleinen Appartements unter dem Dach haben jeweils eine eigene Koch-und Nasszelle. Der Umzug nach oben, so Steinhilber, bedeute also „auch einen qualitativen Aufstieg". Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Momentan sieht die Färberstraße 1 aus wie ein Rohbau. Der Rückbau ist abgeschossen, nun werde zügig der Ausbau erfolgen, denn im Herbst 2010 sollen die Frauenzimmer fertig sein.
Spenden gesucht für das Projekt „Frauenzimmer"
Rund 400 000 Euro wird der Umbau des Gebäudes in der Färberstraße 1 kosten. 180 266 Euro Fördermittel gibt es vom Land, 137 344 Euro von der Aktion Mensch, auch die Stadt schoss 10 000 Euro zu. Die GWG übernimmt die Baunebenkosten, der Rest muss über Spenden finanziert werden. Spen den für das Projekt „Frauenzimmer" sammelt die AWO Reutlingen auf dem Konto 374 771 006 bei der Volksbank Reutlingen (BLZ: 640 901 00)

Armut ist weiblich. Und mit der Armut nimmt auch die Zahl der von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen ständig zu. Auch in Reutlingen. In der Fachberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) stieg der Frauenanteil in 20 Jahren von vier auf knapp 20 Prozent. 2009 nahmen rund 550 Frauen die Beratung in Anspruch. Rund 120 Wohnsitzlose gibt es derzeit in Reutiingen, sagt AWO-Geschäfts-führerin
Zwar gibt es in der Notübernachtungsstelle in der Glaserstraße zwei separate Übernachtungsplätze für Frauen und zudem zwei Frauenauf -nahmeplätze in einem ansonsten männerdominierten Wohnhaus, doch dorthin, weiß
Die Einrichtung eines eigenständigen Hilfsangebotes ausschließlich für Frauen ist deshalb nur konsequent. Qualifizierte Beratung und die - wenn auch nur zeiüich begrenzte - Möglichkeit in einer freundlichen Umgebung angstfrei wohnen zu können, das bietet das Projekt „Frauenzimmer", das jetzt in der Färberstraße realisiert wird. Drei Etagen hat das Gebäude und drei Bereiche: Im Erdgeschoss werden die Frauen beraten, im ersten Stock ist das Aufnahmehaus mit seinem kurzfristig belegbaren Wohnangebot und unter dem Dach ist befristetes Wohnen mit Begleitung möglich. Dort können Frauen aus dem Aufhahmehaus oder direkt „von der Straße" mit Mietverträgen für die Dauer von zwei Jahren aufgenommen werden. Das Aufnahmehaus, erklärt Steinhilber, ist eine Art „Clearingstelle". Hier wird abgeklärt, was die Frauen für Probleme mitbringen, wie man mit diesen Problemen umgeht und was es für Perspektiven gibt. Hier werden umfassende Hilfen angeboten -von der Unterstützung bei Behördengängen bis hin zur Unterstützung bei der Beschaffung von Wohnraum. Unter Umständen in einem der beiden kleinen Appartements unterm eigenen Dach.
Im Idealfall sind die Frauen, die nach zwei Jahren aus dem Dachge-schoss der Färberstraße ausziehen in der Lage, ein von Hilfe unabhängiges Leben zu führen. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Dass die Nachfrage nach den „Frauenzimmern" groß sein wird, davon ist die Sozialpädagogin Wild schon jetzt überzeugt. Sie glaubt sogar, dass manche Frauen, die bislang noch nie in der Beratungsstelle waren, kommen werden, wenn sie erfahren, dass es eine eigenständige Einrichtung für wohnungslose Frauen gibt.
Als „Frauenzimmer" („vrouwenzimmer"), bezeichnete man an den Höfen des 15. Jahrhunderts übrigens den Hofstaat einer adligen Hausherrin sowie ihre Gemächer, die sich oft in einem separaten Gebäudeteil befanden. Erst später wurde der Begriff dann auf die einzelne Person über tragen. Fürstlich werden die „Frauenzimmer" in der Färberstraße wohl nicht logieren. Aber die „Frauenzimmer", welche die Arbeiterwohlfahrt dort einrichtet, sind Zimmer mit Aussicht. Mit der Aussicht auf Verbesserung. USCHI KURZ

