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Schwäbisches Tagblatt vom 15.03.2011

„Man muss mit ganz grundlegenden Dingen anfangen": Jobpatin Helga Maul vor der Hoffmannschule. ( Bild: Haas)
Immer wieder anschucken
Vertrauen ist zentral: Helga Maul betreut als Jobpatin einen Betzinger Hauptschüler
Seit einem Jahr begleitet die Betzingerin Helga Maul ehrenamtlich einen Schüler an der Hoffmannschule auf dem schwierigen Weg durch die letzten Schuljahre, durch Praktika und in die Berufswelt.
MORITZ SCHEUER
Betzingen. Die 67-jährige Betzingerin Helga Maul ist eine von zehn ehrenamtlichen Jobpaten an der Hoffmannschule. Ein Projekt, das 2007 von der Arbeiterwohlfahrt Reutlingen (AWO) ins Leben gerufen wurde. Unabhängig davon wird diese Begleitung an beinahe allen Hauptschulen im Kreis von mehreren Fördervereinen unterstützt und angeboten. Die frühere Pädagogin Maul, die seit zwei Jahren in Rente ist, arbeitete an unterschiedlichen Schulen in Reutlingen als Fachlehrerin mit geistig Behinderten.
Nach dem Ruhestand „gehörte erstmal ein Jahr mir", erzählt sie in einem Gespräch mit dem TAGBLATT. Erst danach wollte sie sich etwas Neuem widmen, am besten „mal eine ganz andere Seite" entdecken. Vor allem ortsnah und flexibel sollte die Tätigkeit sein, damit man „trotzdem mal verreisen kann". Die österreichische Staatsbürgerin wurde schnell fündig. Überzeugt durch AWO-Geschäftsführerin Gisela Steinhilber, begann sie im Februar 2010 mit ihrer Arbeit als Jobpatin. Unter dem Motto „junge Menschen nicht alleine lassen" arbeiten die Jobpaten mit Hauptschülern zusammen, die keine Perspektiven erkennen können und denen auch die Unterstützung von zu Hause fehlt.
Die Schüler entscheiden ab der achten Klasse auf freiwilliger Basis, ob sie die
Hilfe annehmen wollen oder nicht. Beide Parteien können jederzeit abbrechen, und die Ehrenamtlichen haben Schweigepflicht. „Es gibt sogar einen Vertrag, den die Eltern, der oder die Schüler/in und der Jobpate unterschreiben." Mit dem Ziel, die Schüler während des Überganges aus der Schule und in den Beruf zu unterstützen und zu begleiten, trifft sich Helga Maul nun schon seit über einem Jahr einmal die Woche mit ihrem Patenkind. „Man muss mit ganz grundlegenden Dingen anfangen", so Helga Maul. Unpünktlichkeit, Nichterscheinen und die oft unterschiedliche Kulturen lassen die Zusammenarbeit manchmal zur Zerreißprobe werden. Doch die 67-Jährige, die in Brasilien aufwuchs, „weiß, wie es ist in der Fremde". Am wichtigsten sei eine gute Vertrauensbasis, „ohne die läuft nix. Bei uns hat es zum Glück einfach gepasst. Dennoch sind Frustrationstoleranz und Einfühlungsvermögen die wichtigsten Eigenschaften, die ein Jobpate besitzen sollte", sagt Maul. Bewerbungen schreiben und abschicken, der professionelle Umgang mit Arbeitgebern und sich selbst Ziele zu setzen, all das empfinden die meisten der an dem Programm teilnehmenden Jugendlichen, viele davon mit Migrationshintergrund, als große Anstrengung oder gar als unlösbar.
Deshalb sei es eine der Hauptaufgaben der Paten, sie immer wieder „anzuschucken und sie auf den Weg zu bringen". Nur selten verbessern sich die Noten der Schüler. Umso wichtiger, dass die Berufspraktika in den letzten zwei Jahren der Hauptschule erfolgreich bestritten werden. Damit „die Schüler Lust am Tun bekommen". Als eine Ursache für die Probleme vieler Kinder in der Schule macht Frau Maul auch das deutsche Schulsystem verantwortlich. „Man sollte die Schüler länger zusammenlassen und nicht nach vier Jahren trennen." Besonders über die deutsche Bürokratie ärgert sie sich, in der es für manch Hochqualifizierten schon schwierig sei, den Durchblick zu behalten. So lege man Familien mit Migrationshintergrund oder mit niedrigerem Bildungsniveau noch mehr Steine in den Weg. Doch viel Hilfsbereitschaft und Engagement bemerkt sie auch außerhalb der Jobpaten-Schüler Beziehung. Neben den Lehrern und Sozialarbeitern der Schule seien die Mitarbeiter des Berufsinformationszentrums BIZ eine große Unterstützung, da sie immer wieder nach Jobangeboten suchten. Betriebe in der Umgebung werden in das Programm eingebunden. „Man braucht ein möglichst großes Netz." Am Ende liege es aber an jedem einzelnen, die Hilfe anzunehmen und etwas daraus zu machen. „Mein Ziel ist es, Selbstwertgefühl und Vertrauen in die Zukunft zu vermitteln. Menschen zu helfen, das empfinde ich als befriedigend." Auch nach erfolgreichem Berufsstart möchte sie für ihr Patenkind weiter als Ansprechpartnerin zur Verfügung stehen.
